25! dokumentART
11. - 15.11.2016
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drei Jahre dokART (2011-2013)

drei Jahre dokART (2011-2013)

Caroline Walke

Festivalleiterin der dokumentART Neubrandenburg von 2011 bis 2013 und von  2011 bis 2014 Mitglied der Programmkommission

Mein erster Besuch in der Heimatstadt der dokumentART, Neubrandenburg, war bezeichnend, fast wäre ich nicht mehr zurück nach Berlin gekommen. Nach einem Kennenlerngespräch im Latücht stand ein Spaziergang durch die Stadt an. Irgendwo unweit der Turmstraße fragte ich ein jugendliches Pärchen nach dem Weg zum Bahnhof, da mein Zug bald fuhr. Anstatt zum Bahnhof wurde ich zurück in Richtung Latücht geleitet, wie sich dann rausstellte. Man freut sich über Besuch in Neubrandenburg und möchte, dass er bleibt.  

So erging es in den nächsten Jahren auch dem wachsenden Team und natürlich den Gästen der dokumentART. Besonders beeindruckend ist die Unterstützung und der Zusammenhalt, im Team und insbesondere unter den Neubrandenburgern. Wenn auch die Umstände nicht leicht, der Geldbeutel leer und der Klagen viele, letztlich wird immer eine Lösung gefunden. Zum Beispiel wenn drei Tage vor Festivalbeginn das Eröffnungscatering ausfällt. Telefone werden gezückt, Freunde und Bekannte angerufen und schon steht ein Buffet. Unkonventionelle Wege machen es möglich.Unkonventionelle Lebensweisen spiegelten sich auch in den Festivalfilmen aus der Region wieder, die unglaubliche Publikumserfolge waren: Leben Unplugged: Guaia Guaia erzählt die Geschichte der zwei jungen Neubrandenburger Musiker Elias und Louis, die statt eine Ausbildung anzustreben durch die Lande ziehen, Spontankonzerte auf der Straße geben und in leerstehenden Häusern wohnen. Der durchschnittliche lokale Festivalbesucher hat die 40 meist schon überschritten. Doch plötzlich waren die  Doppelvorstellung und das Konzert von so vielen jungen, begeisterten Fans überrannt, dass der Einlass wegen drohender Überfüllung gestoppt werden musste und das Orga- Team ganz schön ins schwitzen geriet. Eine andere regionale Geschichte über eine ungewöhnliche Gemeinschaft und eine weitere seltene Zielgruppe im Kino beehrte uns durch den Film „Am Ende der Milchstrasse“.  Das Portrait über das kleine Bauerndorf Wischershausen in Mecklenburg, unweit von Neubrandenburg, lockte die bäuerliche Familie und das ganze Dorf der Protagonisten für viele Wochen ins Latücht.

Die Vorbereitung und Organisation des Festivals forderte auch von uns oft genug Erfindergeist. Als zum Beispiel im Wettbewerbsprogramm gleich drei Filme aus Afghanistan zu sehen waren und tatsächlich einer der drei Filmemacher es nach Neubrandenburg schaffte - derjenige, der als einziger nicht in Europa lebt, sondern in Kabul. Sein Film  „Postman“ gewann dann auch gleich einen der Hauptpreise. Für das Filmgespräch und die Preisrede bedurfte es eines Übersetzers, da Wahid Nazir kein Englisch spricht. In Neubrandenburg gibt es an Übersetzern nicht viele, insbesondere nicht für seltene Sprachen in hiesigen Gefilden, in dem Fall Pashtu. Wir schafften es also den Filmemacher mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes nach Deutschland zu holen, aber wie sollte man ihn nun verstehen? Die Lösung: ein junger Mann aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Oststadt half aus.  

Unvergessen sind natürlich die Begegnungen und Erlebnisse mit den Filmemachern, die  Filmgespräche und vor allem das Zusammensein im Latücht. Diese Momente machen für mich der besondere Flair der dokumentART aus. Auf vielen Festivals werden tolle Filme und Programme gezeigt, ausgefallene und verrückte Veranstaltungsformate konzipiert, doch nirgends habe ich so eine konzentrierte und gemeinschaftliche Festival-Comunity erlebt, wie in Neubrandenburg während der dokumentART. Das hat sicher mehrere Gründe: das Festival findet in einem kleinen Radius und einer ruhigen Stadt statt, damals zwischen dem Radisson-Hotel am Marktplatz (vom Team auch liebevoll Radieschen genannt), dem Latücht und dem Cinestar. Das mangelnde Angebot an lang geöffneten Bars, kennt man bei der Berlinale oder zur DOK Leipzig nicht. In Neubrandenburg bleibt man im Latücht und feiert gemeinsam mit Filmemachern, Filminteressierten und Team bis der Morgen graut. Nirgends habe ich Besucher des Festivals und Locals binnen so einer kurzen Zeit zu einer Gruppe wachsen sehen.   

Ein weiterer Grundstein für das Entstehen dieser Community war sicherlich auch die intensive Vorfestivalzeit. In den Monaten vor der dokART, wie bei jedem Festival üblich, sind die Arbeitsstunden lang und die Nächte kurz. Mit dem nahenden Festivaltermin wächst das Team und so entstand eine kleine Enklave in unserem Festivalbüro auf der Turmstrasse, in der wir natürlich nicht nur arbeiteten, sondern auch gemeinsam mittags kochten, Feierabendbiere tranken und mitten in der Stadt zum Anlaufpunkt für Interessierte und Unterstützer wurden, die Freunde wurden. Und Unterstützung und Spaß kam in vielen Formen, z.B. von kulinarischen Spenden aus dem Garten des Mitbewohners oder Anleitung zur sportlichen Gymnastik gegen verspannte Rückenmuskeln durch Silvio Witt. Wer hätte damals gedacht, dass er Bürgermeister sein wird und das Festival in Zukunft offiziell eröffnen und Preise verleihen wird? Es sind neben diesen schönen Anekdoten und Begegnungen vor allem die Filme, an die ich mich gerne erinnere. Vor allen Dingen an die, die keine leichte Kost waren, die Irritationen hervorriefen, und zu lebhaften Diskussionen führten. Das waren die besten Filmgespräche. Nun kenne ich den Weg vom Bahnhof zum Latücht natürlich in und auswendig und freue mich schon dieses Jahr wieder dabei zu sein, bei der dokART 2016 und zu ihrem 25. jährigen Jubiläum. Auf die nächsten 25 Jahre dokART!

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