25! dokumentART
11. - 15.11.2016
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kleine Werkstatt, große Wirkung

KLEINE WERKSTATT, GROßE WIRKUNG

Hans-Günther Dicks

Der Filmkritiker war ständiger Gast des Festivals

Ein Filmfestival der üblichen Art mit Starauftrieb und Rotem Teppich wollte sie nie sein, die Neubrandenburger „dokumentART“, die nun schon ihren 25. Jahrgang feiert. Ihre alle Rechtschreibregeln bewusst ignorierende Namensgebung und ihr ungewöhnlicher „Kinosaal“ in einer ehemaligen Kirche – ein echtes „Alleinstellungsmerkmal“! - machen immer schon ihren ganz besonderen Charakter aus. Sie prägen auch die Erinnerungen, wenn ich beginne aufzuschreiben, was mir geblieben ist von den Jahren, in denen ich dabei war: die Projektionsprobleme und die Filmgespräche, die mühsam, ja, bemüht wirkten, aber auch über Sprachgrenzen hinweg neue Einsichten lieferten. Die unbequemen Stühle und die freundliche Cafeteria. Der Streit um die Formate und vor allem um die Grenze zwischen Dokumentar-, Spiel- und Experimental-Filmkunst und -Nichtkunst, die der Name dokART so beharrlich zu leugnen versucht. Nicht zu vergessen der symbolisch stachlige Igel [Stacheltier, d. R.) des einstigen dokART-Logos: seine Abwehrbereitschaft scheint mehr denn je von Nöten, wenn die dokART weitere Budgetkürzungen überstehen soll.

 

 

 

Und die Filme aus 25 Jahren? Viele davon, auch manche Preisträger, sind längst zu Recht vergessen. Zu denen, die in Erinnerung bleiben, zählen vor allem jene, die als exemplarisch gelten können für den Werkstatt-Charakter, den die dokART oft für sich reklamiert hat: kühn auszuloten, wo sich die Genres überschneiden, wo neue Technik neue Formen ermöglicht oder gar fordert, wo Talenten ein Weg zur Reifung geöffnet werden kann. Dafür sollen hier drei Beispiele aus den dokART-Wettbewerben stehen, die mir am stärksten in Erinnerung sind. Beispiel 1: „De tranen van Castro“ von Merlijn Passier aus den Niederlanden erzählt von dem jungen Kommunisten Theo, der seine Hühner Marx und Engels nennt und sein Leben und die Welt-Geschichte nicht wie üblich auf Papier, sondern mittels Körperflüssigkeiten dokumentieren will. Die Figur dieses seltsamen Kauzes scheint so unglaublich, dass man ihn immer wieder für eine Erfindung Passiers hält, bis mit eingeschnittenen Interviews aus Theos Umgebung Dokumentarisches diesen Eindruck wieder aufhebt; erst im Abspann „entlarvt“ sich dieses niederländische Kleinod als raffiniertes „mockumentary“, für das es Preise auf Spielfilm- wie Dokfilm-Festivals gab! „Vom Hirschkäfer zum Hakenkreuz“ des Hamburger Regie-Duos Madeleine Dewald und Oliver Lammert löste 2002 eine kleine Revolution in der Formatdebatte aus, weil er erstmals die neuen digitalen Möglichkeiten der DVD mit Internet-Links kombinierte. Die CD-ROM als eine ganz neue, vom Nutzer definierte Präsentationsform des Recherchematerials war damit geboren – und verschwand gleich wieder, weil nicht abgelöste Musikrechte und fehlende Kino-Infrastruktur der größeren Verbreitung im Wege standen. Dabei ist die materialreiche Untersuchung der ästhetischen Wechselwirkung zwischen faschistischer Propaganda und Kulturfilm der 1920er Jahre heute unvermindert brisant und aktuell – und inzwischen wenigstens als DVD wieder erhältlich.

Schließlich „Koleksiyoncu“ („Der Sammler“) der jungen Türkin Pelin Esmer, die liebevoll, aber zugleich mit kluger Distanz ihren Onkel Mithat Esmer als besessenen Sammler von allem Möglichen porträtiert und dabei die auf der dokART häufig zu sehenden „Ich filme meine Familie“-Belanglosigkeiten meilenweit hinter sich lässt. Ob die dokART-Jury seinerzeit das in diesem 46-minütigen Debütfilm bereits sichtbar werdende Talent Esmers mit einem Preis würdigte, erinnere ich mich nicht mehr. Sie wäre damit in bester Gesellschaft, denn über Esmers folgende drei Langfilme ging auf Festivals weltweit ein wahrer Preisregen nieder: Für „11'e 10 kala“ („10 vor elf“, 2010), der Onkel Mithats Geschichte in eine feinfühlige, ganz und gar nicht rührselige Spielfilmhandlung um einen Hausabriss einbettet, gab es Preise in Ankara, Lissabon, Nürnberg und Istambul, und mit „Gözetleme Kulesi“ („Watchtower“, 2012), einem stimmungsvollen Sozialdrama um zwei einsame Menschen, reüssierte Esmer in Rotterdam, Taipei und Fribourg.

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