25! dokumentART
11. - 15.11.2016
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Einige Erinnerungen: das Neubrandenburger dokumentART Festival 1997

Einige Erinnerungen: das Neubrandenburger dokumentART Festival 1997

Nach einem Festivalbericht von Mirja Metsola für die Finnish Broadcasting Company YLE TV 1 Documentaries, Oktober 1997.

Mirja Metsola

Jurymitglied 1997

Anett Freier nahm am Internationalen Anthropologischen Dokumentarfilmfestival im Sommer 1997 in Pärnu teil und wir hatten gute Gespräche und schöne gemeinsame Ausflüge. Mein Film über die finnischen Hochzeitsrituale wurde dort gezeigt. Ich war schon mehrere Male in Pärnu, es war mein Lieblingsfestival. Später, im August 1997 schickte mir Holm Freier einen Brief mit der Anfrage, ob ich als Mitglied er Internationalen Jury während der dokumentART im Oktober teilnehmen würde. Ich war glücklich und fühlte mich auch geehrt. Als ich nach Neubrandenburg kam, empfand ich die Umgebung mit ihren alten Häusern und den Trabant-Autos in den Straßen als Zeugen der Vergangenheit und die Ära des Kommunismus war noch nah und gegenwärtig. Die Vorführungen fanden in einer alten Kirche statt, die man zum Kino umgebaut hatte. Sehr gemütlich und schön. Die Atmosphäre war warm und einladend, ich glaube, jeder fühlte sich hier willkommen. Vieles geschah in dieser Woche, tiefgründige Diskussionen, neue Ideen entstanden, sogar leicht romantische Begegnungen… Auf dem Festival war die Zusammentreffen verschiedener Persönlichkeiten einzigartig. Da gab es Filmkunstenthusiasten, wie Anett und Holm-Henning Freier, Verwaltungsmitarbeiter, die Film mochten, junge Videofilm-Studenten, deutsche Filmemacher, andere aus Europa und den USA und Filmemacher aus der Sowjetunion, die sehr schüchtern waren und nur die russische Sprache verstanden. Filmemacher wie diese traf ich auf dem Internationalen Anthropologischen Dokumentarfilmfestival in Pärnu, gegründet von Lennart Meri - später  der erste Präsident der Estnischen Republik - und den Filmemacher Mark Soosaar, der in Moskau studiert und der das erste Estnische Film Festival nach der Befreiung der Republik von sowjetischer Einflussnahme etabliert hatte, das die Fenster zu den Europäischen Filmemachern öffnete, den ersten Kontakt zwischen Ost und West herstellte und wir hatten eine Möglichkeit Russische Filme zu sehen, uns dazu zu äußern und Fragen zu stellen. Mark – wirklich ein Mann mit vielen Geschichten – war auch Mitglied der Jury in Neubrandenburg. Später wurde er Direktor des Chaplin Kultur Zentrums in Pärnu, und  in der letzten Zeit ist er in die Politik tätig als ein Mitglied des Stadtrates von Pärnu, jetzt wieder als Parlamentsmitglied, das auch die Sozialdemokraten Estlands repräsentiert. Und das Pärnu Documentary Film Festival findet noch jährlich im Juli statt.

Weitere Jurymitglieder waren sehr etablierte und sehr intelligente Frauen, Petra – frühere DEFA-Filmemacherin –, Madeleine, Medienkunstdozentin aus Hamburg und die lebhafte Antonia, Kroatin und Filmemacherin aus Stockholm. Die Festivalregeln waren sehr strikt darauf gerichtet, dass die Juroren alle Filme auf der großen Leinwand sehen sollten, wir verbrachten einen großen Teil des Festivals in den geschlossenen Räumen und unter uns, in guter Gemeinschaft, aber ohne viel Kommunikation mit anderen Filmemachern auf dem Festival. Es gab eine Menge Spaß. Die Jurymitglieder hatten in den Diskussionen eine gute Beziehung zueinander, wir waren sehr gleichberechtigt und wir konnten die Entscheidungen zusammen treffen, natürlich mit Debatten, aber in guter Harmonie. Ich erinnere mich auch der fröhlichen Abschlussparty mit der großen Entspannung nach der harten Arbeit.

Natürlich erinnere ich mich auch an gute Filme, die Preise erhielten, den LATÜCHT-Preis-Gewinner Gigi, Monica…et Bianca - Straßenkinder, die erwachsen werden und ihr erstes Kind haben – ein wunderbar warmer Film, der viele Fragen zur Zukunft der jungen hoffnungsvollen Familie aufwarf. Zwei interessante litauische Filmemacher traf ich auf dem Festival, deren experimentelle und düstere Filme mich sehr stark beeindruckten: Audrius Juzenas’ Film The Unfolded Flying Objects über Lebensumstände eines alten Künstlers und eines Waisenjungen, und Audrius Stonys’ Film, von jungen Videomachern ausgezeichnet, Flying Over the Blue Fields. Gut erinnere ich mich auch an den Film des Dänen Jon Bang Carlsen It’s Now or Never – über Junggesellen, die zum Tanz an die Irische Westküste kommen, die Beschreibung des Lebens auf dem Land und den Schock des Publikums nach dem darauf folgenden Film dieses Regisseurs How to Invent Reality. In diesem Film erklärt und zeigt er, wie der vorherige “Dokumentarfilm” tatsächlich entstand! Die Reaktionen waren zornig. Ich hatte diese Filme auch vorigen Sommer in Pärnu gesehen, so wusste ich, was zu erwarten war: Wut. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine gute Story zu haben?

Das Videotagebuch war eine neue, innovative Form des Dokumentarfilms in jener Zeit, und der Däne Ole Vandjord erzählt in Goodbye to Paradise seine Liebesgeschichte auf diese Weise mit großer Intensität. Und gewiß erinnern wir uns alle an meinen Landsmann, den bedeutenden Filmemacher Lasse Naukkarinen und seinen Film Madame E. Die Protagonistin war auch auf der anschließenden Party in ihrer Abendrobe, Schmuck, Pelz und großem Hut!

Es gab auch eine Panel Diskussion “East meets West”, über die Perspektiven des Dokumentarfilms in der sich verändernden Welt. Ich hatte die Chance, viel Gutes über meinen Arbeitsort zu sagen, das Finnische TV YLE, das dem Dokumentarfilm sehr positiv gegenübersteht, beides Inhouse-Produktionen (diese blieben jedoch nur bis dafür das Reality TV aufkam) und unabhängige Dokumentaristen, die innerhalb der nächsten Jahre global bekannt wurden. Es gelang mir auch, einige Dokumentarfilme aus der früheren DDR, einige estnische und einige von Marcel Lozinski zu sehen; einer davon ist unvergesslich und kommt mir noch oft in den Sinn: Anything can Happen. Der Sohn des Regisseurs, 6 Jahre alt, kommt in einen wundervollen Kontakt mit tiefen Gesprächen zu einsamen, alten Menschen in einem Park. Zwei Jahre vor der dokumenART habe ich einen Dokumentarfilm über den finnischen Schriftsteller, Forscher, Filmemacher, Fotografen und Ethnografen Sakari Pälsi gemacht, der wundervolle Erzählungen über die Gedankenwelt von Kindern schrieb. Nachdem ich Lozinski’s Film  gesehen hatte, entschied ich mich auch, meine Filme über Kinder und ihre Entdeckung der Welt zu machen (einige taten dies in Form von Action-Filmen). Heute, im Jahr 2016, arbeite ich an einem Buch über Pälsi mit einer Gruppe von Menschen und ich habe über seine Philosophie zu Kindern, die deren Kreativität verteidigt, geschrieben. Nächste Woche werde ich seine Erzählungen vor Kindern in Loppi lesen, Pälsi’s Geburtsort. Aber ohne Lozinski als Verbindung zwischen meinen vorherigen Erfahrungen und meinen Hoffnungen, hätte ich wahrscheinlich diesen Weg nicht gefunden. Das ist die Kraft des Films. Alles kann passieren: Anything can Happen. Danke, Neubrandenburg Film Festival!

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