25! dokumentART
11. - 15.11.2016
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Der Anfang

Der Anfang

Karin Fritzsche, Berlin 2016

Mitglied der Programmkommission von 1992 bis 1994 und ab 2004 im Festivalteam für die Betreuung der Dolmetscher

Aus dem Katalogtext der ersten DOKUMENTART:

„Völlig unbefangen und getrieben von dem bedrückenden Erlebnis der 13. Neubrandenburger Dokumentarfilmtage hatten wir im November 1990 begonnen, über ein neues Konzept für dieses Festival nachzudenken. Das alte Festival hatten einige von uns als Kinobesucher erlebt und besonders 1988 und 1989 den Reiz dokumentarischer Kunst schätzen gelernt. In Gesprächen mit Filmemachern und Freunden, bei Besuchen anderer Festivals, durch die Auseinandersetzung mit Dozenten und immer wieder durch das Vergnügen an Dokumentarfilmen entstand eine Art Phantom, ein ART-Phantom, das wir dann einfach ausprobieren wollten. Was uns vorschwebte war ein Festival, das in freundschaftlich-kreativer Atmosphäre Filmemacher und Zuschauer vereint, das neben der Zeit für Filme auch Zeit und Raum für Gespräche bietet; wo es möglich wird, Neues zu entdecken, auch Unfertiges zu bereden und beides zu fördern. Wir malten uns den Ruf eines kleinen, vertrauten Teams aus, das zwar vergleichsweise wenig Geld hat und nur wenige Filme zeigen kann und sicher am Anfang Fehler macht, bei dem aber klar ist, dass diejenigen, die die Filme aussuchen und einladen, einen verlässlichen ARTverwandten Blick haben, der jederzeit für angenehme Überraschungen gut ist – Überraschungen, durch die ein Besuch auch dann lohnend sein kann, wenn der eigene Film vielleicht nicht läuft. Oha!“ Ja, das war ein wunderbarer Start, trotz aller Schwierigkeiten mit der technisch-organisatorischen Basis, die aus dem Nichts erfunden und aufgebaut werden musste. Beflügelt hat uns die permanente Diskussion, was denn nun DOKUMENTART für uns bedeutet, im Konkreten, welcher Film JA, welcher NEIN? Und endlich Inhalt und Form freien Raum lassen können, keine Vorgaben oder Muster im Kopf, keine äußere oder innere Zensur, keine fixen Erzählmuster mehr, sondern Filme zeigen können, die für ihre Geschichte eine ganz eigene Erzählform gefunden haben, und sei diese noch so ungewohnt. Die Genres begegnen, vermischen, wandeln sich, aber nicht wahllos, sondern immer im Dienst ihrer Erzählung. Nach 13 Jahren Nationalem Dokumentarfilmfestival der DDR in Neubrandenburg ging nun der Blick über den Tellerrand weit hinaus, insbesondere in unsere Nachbarländer. Wir trugen zusammen, was wir kannten und entdeckten und waren überwältigt von der Vielfalt dokumentarischen Arbeitens.

 

Die erste Ausgabe 1992 war noch eher ein Versuch und das Programm ein Sammelsurium mit mehr oder weniger DOKUMENTART-typischen Filmen. Aber der Hauptpreis, Gusztáv Hámos’ „Revolution im Fernsehen“ (Deutschland/Ungarn, 1990), entsprach genau dem Konzept. So wie auch „Eisenzeit“ (1991) von Thomas Heise oder „Nienormalni“ (Nicht normal, Polen 1990) von Jacek Blawut. Die Idee lockte viele der Filmemacher nach Neubrandenburg, es ging hoch her in der Auseinandersetzung um das, was in ein solches Programm gehört, und was eben nicht. Es lag nahe, für die zweite Ausgabe den Werkstattcharakter zu betonen und die Party-Diskussionen in ein offenes Forum zu verlegen. Es war ein Versuch, und es hätte eines längeren Atems bedurft, eine Gesprächsform zu etablieren, die konzentriert und konstruktiv ist. Die Ziele waren hoch gesetzt, aber unsere Aufmerksamkeit zerfaserte sich in organisatorischen Details, es fehlte an Erfahrung und organisatorischer Basis. Zu schnell und zu ehrgeizig für so ein kleines Budget und ein Stammpublikum, das gerade erst im Entstehen war. Immerhin war unsere Filmauswahl schon viel konzentrierter und besser recherchiert, die Zahl der ausländischen Gäste wuchs, über die Hälfte der Filmemacher waren gekommen. Und langsam kamen die Zuschauer auch aus dem Umland, eine Art „Freundeskreis“ war im Entstehen. Eine bessere Bestätigung gibt es eigentlich nicht für ein Programm von so ungewohnter Mixtur, das dem Publikum manch’ Ungewohntes bot.

 

 

Für mich war es besondere Freude, Kreatives aus meiner Wahlheimat Ungarn zeigen zu können, wie die Filme des Studios für Junge Künstler im Ungarischen Fernsehens (Fiatal Müvészek Studiója), darunter WINTERKRIEG (Téli hadjárat, 1992) von Ildikó Enyedi. Oder VOLKSSTÜCK (Népszinmü, 1991), ein erster Film von János Domokos, der ein Diplom erhielt und János zum Stammgast des Festivals werden lies. Ein sehr „kleiner“ Film übrigens, eine dokumentarische Szene, in der das Gespräch mit den Protagonisten übergangslos in einen Streit untereinander entgleiste und die Wahrheit sichtbar wurde. János war so geistesgegenwärtig gewesen, die Kamera laufen zu lassen und die Szene als solche zum Film zu machen. Unvergesslich auch der Film MANN BEISST HUND (Belgien, 1992) von Rémy Belvaux, eine sehr drastische surreale Geschichte, von Laien während des Drehs improvisiert. Der hat das Publikum total gespalten - aber das sind vielleicht die besten Filme, die so widerstreitende  Emotionen von Ablehnung und Zustimmung bewirken. So könnte man fortfahren aufzulisten, aber Filme muss man sehen. Jeder Jahrgang der DOKUMENTART hat zu viele unvergessliche Filme gezeigt, als dass man sie hier einzeln nennen könnte. Unvergesslich sind sie weniger wegen ihres Themas oder ihrer Perfektion, sondern weil sie einen Gedanken, ein Ereignis auf unverwechselbare und überraschende Weise darstellen, die als einzigartig in unserer Erinnerung bleibt. Das ist für mich DOKUMENTART.  

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